Kirchenperspektiven

Die Zukunft unserer Kirchengebäude:


Den Wandel umsichtig gestalten

 

1. Auf den Punkt gebracht

Die gesellschaftlichen Veränderungen betreffen auch unsere Kirchgemeinde. Langfristig werden unsere Kirchengebäude (Kirche Illnau, Kirche Kyburg, Kirche Effretikon, Kapelle Rikon) im Verhältnis zu den abnehmenden Mitgliederzahlen eine immer grössere finanzielle Belastung werden. Deshalb wird die Kirchenpflege an der Kirchgemeindeversammlung am Dienstagabend, 4. Juni 2024 die Frage stellen, ob sie Umnutzungsvorschläge ausarbeiten soll.

2. Themenabende und Kirchgemeindeversammlung

An zwei Abenden wurde die Möglichkeit geboten, auf die Thesen der Kirchenpflege zu reagieren. Diese wurden am 15.12.2023 in der Güggel.Post publiziert (s. unten).

Beide Abende fanden im Rebbucksaal, Effretikon statt. Im Anschluss an die Diskussion wurde jeweils ein Apéro offeriert.

 

  • 25. Januar 2024, 19.30 Uhr
     
    • Eingeladen: alle
    • Teilnehmende: ca. 120 Personen
    • Moderation: Agnes Joester und Spiro Mavrias (Gesamtkirchliche Dienste der Ref. Kirche Kanton Zürich)

      Download: Foto- bzw. Kurzprotokoll (PDF)

 

  • 1. Februar 2024, 19.30 Uhr
     
    • Eingeladen: Interessierte von 16-29 Jahren
    • Teilnehmende: 10 Personen (nebst Verantwortlichen der Kirchgemeinde)
    • Moderation: Agnes Joester (Gesamtkirchliche Dienste der Ref. Kirche Kanton Zürich)

      Download: Foto- bzw. Kurzprotokoll (PDF)

 

  • 4. Juni 2024, Kirchgemeindeversammlung

3. Den Wandel umsichtig gestalten: grundsätzliche Gedanken

Ende 2022 hatte die Zürcher Landeskirche 10'747 Mitglieder weniger als im Vorjahr. Davon haben sich zwei Drittel bewusst gegen eine Mitgliedschaft in der reformierten Kirche entschieden. Ein Drittel sind demographische Veränderungen, wie z.B. Todesfälle oder Wegzug. Dieser Rückgang der Mitglieder ist seit Jahren konstant. Der Bedarf an unsere Räumlichkeiten ist heute nicht mehr derselbe wie anno 1958, als die Kirche auf dem Rebbuck in Effretikon gebaut wurde. Das heutige Rebbuckzentrum wird den kirchlichen Bedarf auf lange Sicht decken. Zudem ist es zentral gelegen und bietet eine ideale Infrastruktur für kirchliche Anlässe. Wollen wir uns trotzdem auch 1 Kapelle und 2 weitere Kirchen auf lange Sicht leisten?

Der Unterhaltsbedarf für unsere denkmalgeschützten Kirchengebäude ist hoch. In den nächsten 10 Jahren rechnen wir, inkl. dem Rebbuckzentrum, mit über 5 Mio. Franken. Auf weite Sicht ist absehbar, dass eine immer kleinere Kirchgemeinde mit abnehmenden Finanzen für diese namhaften Unterhaltskosten aufkommen muss. Diese Mittel wird sie zwangsläufig beim Gemeindeleben und den Kosten für das dafür engagierte Personal einsparen müssen.

An der Kirchgemeindeversammlung vom Juni 2024 wird die Kirchenpflege die Gemeinde deshalb fragen, ob sie Vorschläge zur Umnutzung unserer anderen Kirchen ausarbeiten soll. In welche Richtung diese gehen könnten, zeigt das Kompetenzzentrum Liturgik der Theologischen Fakultät der Universität Bern (www.schweizerkirchenbautag.unibe.ch). Sie haben in einer Datenbank schweizweit Kirchen erfasst, die in den letzten 25 Jahren eine Umnutzung erfahren haben.

Zwei Themenabende bzw. Diskussionsanlässe sollen die Meinungsfindung unterstützen. Dazu hat die Kirchenpflege Thesen ausgearbeitet:

These 1: Langfristig wird es nur noch die Kirche Effretikon geben.
Begründung: Die Kirchgemeinde wird langfristig wesentlich geringere finanzielle Mittel zur Verfügung haben. Die Kirchgemeinde hat für das kirchliche Leben nicht den Bedarf nach vier Kirchengebäuden. Es macht deshalb Sinn, langfristig nur noch eine Kirche zu betreiben. Die am besten geeignete ist die Kirche Effretikon.

These 2: Wir gehen die Umnutzung der drei anderen Kirchen proaktiv an.
Begründung: Es macht Sinn, die Kirchen Illnau und Kyburg sowie die Kapelle Rikon langfristig proaktiv einer kostendeckenden Nutzung zuzuführen. Dadurch freigesetzte finanzielle Mittel können für das kirchliche Leben genutzt werden. Die Umnutzung oder ein allfälliger Verkauf, der zur Disposition stehenden Kirchen, wird in einem partizipativen Prozess parallel angegangen.

Es sind keine einfachen Fragen. Im Gegenteil: Über solche Veränderungen nachzudenken, tut weh, besonders, wenn man einen persönlichen Bezug hat. Wir sind der Meinung, dass die aktuelle Kirchenpflege diese Thematik nicht ihren Nachfolger:innen übergeben kann. Noch besteht kein Druck, der uns zu übereiltem Handeln zwingt. Aber wir möchten uns Zeit nehmen, um gemeinsam als Gemeinde über diese Fragen nachzudenken und Weichen zu stellen.

Wir laden Sie herzlich ein, in den kommenden Monaten diese Fragen umsichtig zu bedenken, zu diskutieren, um Gottes Segen und Willen zu beten und dadurch die Zukunft unserer Kirchengemeinde mitzugestalten, so dass unsere Kirchgemeinde auch zukünftig ein Ort ist, wo Menschen Christi Ruf hören, im Glauben gestärkt werden und sich diakonisch engagieren.

4. Gedanken von Kilian Meier (Kirchenpflege, Finanzvorsteher)

Fallen grössere Entscheidungen an, unterscheiden wir gerne zwischen der Stimme in unserem Kopf und derjenigen in unserem Bauch. Dabei ist klar: Niemand entscheidet nur aus dem Bauch heraus oder nur mit dem Kopf.

 

Der Kopf

Wenn es um die Zukunft unserer Kirchengebäude geht, meldet sich die Stimme in meinem Kopf zweimal im Jahr besonders laut: im Mai bei der Erstellung der Jahresrechnung und im November bei der Erstellung des Budgets. Also immer dann, wenn folgende harte Fakten auf dem Tisch liegen:

 

  1. Ende 2023 zählte unsere Kirchgemeinde 4'700 Mitglieder. Pro Jahr verliert die Gemeinde durchschnittlich 100 Mitglieder. Bei linearer Entwicklung bedeutet dies:
     
    Jahr 2030:   4'000 Mitglieder
    Jahr 2050: 2'000 Mitglieder
    Jahr 2070: 0 Mitglieder

     
  2. Die Bewertung unserer Kirchen erfolgt empirisch mit der Software «Stratus». Natürlich kann die tatsächliche Bewertung eines Gebäudes anders ausfallen oder eine Sanierung aufgeschoben (nicht aufgehoben) werden. Bis 2031 sieht Stratus folgenden Sanierungsbedarf unserer Kirchen vor:
     
    Effretikon: CHF 3'200’000
    Kyburg: CHF 960’000
    Illnau: CHF 860’000
    Rikon: CHF 340’000
     

    Diese Kosten fallen nicht sofort an, sondern werden über 20 Jahre hinweg abgeschrieben. Würden alle Arbeiten ausgeführt, würde der Gemeindehaushalt nach Abschluss der Arbeiten mit jährlich CHF 250'000 belastet. Dazu kämen die laufenden Unterhaltskosten von ca. CHF 80'000 pro Jahr für Energie, Reinigung, Gärtnerei, Wartung Haustechnik, Kleinmaterial, usw.

    Dieses Geld werden wir aus heutiger Sicht nicht haben.
     

  3. Gegenwärtig kompensiert das jährlich steigende Pro-Kopf-Steuersubstrat den Mitgliederschwund. Im Gegensatz zu anderen Kantonen gibt es eine Kirchensteuer für juristische Personen. Ich gehe davon aus, dass beides im Jahr 2050 nicht mehr der Fall sein wird.

Mein Kopf sagt mir bei den gegebenen Daten: Wir können uns vier Kirchen nicht leisten. Wir müssen die oben genannten Kosten senken oder die Einnahmen erhöhen (Mitgliederzuwachs, Geld vom Staat, Spenden, Mieteinnahmen).

 

Das Herz

Ich bin neben der Kapelle Rikon aufgewachsen. Die Osterfrühfeier ist ein genialer Gottesdienst, der vom Wesen und den Eigenheiten dieses ehrwürdigen Gebäudes lebt. Überhaupt habe ich in allen unseren Kirchen Dinge erlebt, an die ich mich sehr gerne erinnere. Es sind einzigartige Bauwerke, die es verdienen, so zu bleiben, wie sie sind.

Die Kirchengebäude gehören zur Identität unserer Gemeinde – aber sie sind für mich nicht das Wesentliche. Wesentlich ist unser Wirken. Sei es im Gottesdienst, im Fridays, beim Tischlein Deck Dich, in der Diakonie, in der Seelsorge, im APZB, auf der Strasse, im Gespräch, beim Singen, im Büro, im Cevi, in der Küche, beim Beten, beim wümmen usw. Überall dort, wo Menschen aus ihrem Glauben heraus handeln. Solange wir Wirken, lebt unsere Kirche.

Als Finanzvorsteher möchte ich nicht bei unserem Wirken sparen, um genug Geld für die Sanierung einer Fassade zu haben. So weit sind wir zum Glück noch nicht. Aber ich will nicht, dass künftige Generationen vor diese Entscheidung gestellt werden, ohne dass die Gemeinde sie bewusst getroffen hat.

 

Der Entscheid

Mein Kopf rechnete mir vor, dass wir 2070 keine Mitglieder mehr haben werden. Mein Herz weiss, dass dem nicht so sein wird. Was mir Kopf und Herz übereinstimmend sagen: Du kannst nicht still sitzen. Deshalb bitte ich Sie, die Kirchenpflege zu beauftragen, Vorschläge für eine Umnutzung der Kirchengebäude zu erarbeiten.

5. Gedanken von Pfr. David Scherler (Gesamtleiter)

Am 18. Januar 1981 wurde ich in der Kirche Illnau von Pfr. Markus Brunner getauft. Wir wohnten damals zur Miete im Guggenbühl. Ich weiss noch, wie ich mich im Januar 2019 freute, als ich bei meinem Amtsantritt den Schlüssel zu «meiner» Taufkirche erhielt. Ich habe deshalb einen persönlichen Bezug zur Kirche Illnau. Viele andere noch viel mehr, über Generationen hinweg.

Als reformierter Pfarrer und Gesamtleiter der Ref. Kirche Illnau-Effretikon ist mein wichtigster Auftrag «im Namen Jesu Christi Kirche sein». Dieser wird im 1. Artikel der Kirchenordnung beschrieben:
«[Abs. 1:] Kirche ist überall, wo Gottes Wort aufgrund der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testamentes verkündigt und gehört wird. [Abs. 2:] Kirche ist überall, wo Menschen Gott als den Schöpfer anerkennen, wo sie Jesus Christus als das Haupt der Gemeinde und als den Herrn und Versöhner der Welt bekennen und wo Menschen durch den Heiligen Geist zum Glauben gerufen und so zu lebendiger Gemeinschaft verbunden werden. [Abs. 3:] Kirche ist überall, wo Menschen durch Glauben, Hoffnung und Liebe das Reich Gottes in Wort und Tat bezeugen.»

In diesem Sinne Kirche zu sein, ist mein und unser zentraler Auftrag. Diesem Auftrag müssen auch unsere Kirchengebäude dienen. Das haben sie über Jahrhunderte hinweg getan. Deshalb zeigen sich in ihnen auch wunderbar die Glaubensschätze vergangener Generationen wie z.B. in den Fresken der Kapelle Rikon. Heute ist es nicht mehr selbstverständlich, dass die Menschen von Illnau-Effretikon für diese Kirchen sorgen. Längst ist die Bevölkerung nicht mehr entweder reformiert oder katholisch. Wenn es so weitergeht, werden wir das Budget für das kirchliche Leben zugunsten des Gebäudeunterhalts kürzen müssen. Aber so darf es nicht sein, denn auch die Kirchengebäude müssen unserem zentralen Auftrag (s. oben) dienen. 1958 wurde ganz zu Beginn des Baubooms die Kirche auf dem Rebbuck gebaut. Eine mutige Entscheidung, eben im Sinne des zentralen Auftrags. Bereits seit Jahrzehnten haben wir nun eine andere Entwicklung. Es ist für mich offensichtlich, dass es an der Zeit ist, dass sich unsere Kirchgemeinde die Frage stellt, wie es mit unseren Kirchgengebäuden weitergehen soll.

Schweizweit gesehen, sind wir nicht die einzigen, die sich diese Fragen stellen. Im Gegenteil. Es gibt zahlreiche Beispiele, wie Kirchen umgenutzt werden. Unsere Kirchen sind alle besonders geschützt. Das wird sich auch bei einer Umnutzung nicht ändern. Mit ihren Austritten zeigen Illnau-Effretiker/innen, dass sie die Kirchengebäude nicht unterstützen möchten. Ob sich dies wieder ändert, wenn die Kirchen einem neuen Zweck zukommen? Hoffentlich einem innovativen Zweck, der dem Allgemeinwohl dient!

Ich würde mir wünschen, dass all diese Kirchen sonntags gefüllt wären und ein reiches Gemeindeleben mit ihren je eigenen Gottesdienstgemeinden hätten. Aber die Zeiten sind nicht so. Das ständige hin und her sonntagmorgens mag für einen festen Kern reibungslos sein, vielleicht sogar abwechslungsreich, aber für viele stellt dies eine Hürde dar, in unserer Gemeinde den Anschluss zu finden. Es würde unserem zentralen Auftrag «Kirche zu sein» (s. oben) dienen, wenn wir nicht mehrere, sondern ein einziges Kirchengebäude hätten, auch wenn das bedeutet, dass man längere Wege in Kauf nehmen muss. Seit Jahrzehnten gibt es Rivalitäten zwischen den einzelnen Ortsteilen von Illnau-Effretikon, die sich auch in unserer Kirchgemeinde zeigen. Solche Konflikte sind in vielen Gemeinden zu beobachten, die mehrere Kirchen haben. Ich werde mich auch in Zukunft nicht zum Spielball dieses Konflikts machen lassen. Ich bin tatsächlich der Meinung, dass ein einzelnes Kirchengebäude für die ganze Kirchgemeinde auch unsere Einheit und Gemeinschaft stärken würde. Es liegt auf der Hand, dass die Kirche auf dem Rebbuck der zentralen Aufgabe am besten dient. Oder doch eine neue Kirche, die auf dem Hagi-Areal entstehen könnte?

Ich freue mich über alle, die sich dieser Frage umsichtig annehmen, wie wir heute Kirche sein können und welche Rolle dabei die Kirchengebäude spielen. Ob die Kirchgemeinde im Juni 2024 der Kirchenpflege den Auftrag gibt, Umnutzungsvorschläge zu machen oder nicht, mein Auftrag bleibt derselbe: im Namen Jesu Christi mit Dir bzw. Ihnen Kirche zu sein, unabhängig von den Kirchengebäuden.
 

Pfr. David Scherler, Gesamtleiter, Dreikönigstag 2024.

 

6. Bisherige Publikationen / Medienspiegel

Gemeindeeigene Publikationen

 

Medienspiegel

  • Bisher keine

7. FAQ (Frequently Asked Questions, häufig gestellte Fragen)

Warum sind am 2. Themenabend nur Menschen von 16 bis 29 Jahre eingeladen?
Jugendliche und junge Erwachsene sind die Zukunft unserer Kirchgemeinde. Diese Altersgruppe hat oft unterschiedliche Sichtweisen und Bedürfnisse, die wir bei diesen Zukunftsperspektiven unbedingt berücksichtigen möchten. Durch die Beschränkung auf eine bestimmte Altersgruppe schaffen wir einen Raum, in dem jüngere Mitglieder sich frei und offen äussern können mit ihren speziellen Bedürfnissen und Perspektiven. Nebenbei hoffen wir so auch, dass jüngere Mitglieder ihre Bedeutung für die Zukunft unserer Kirchgemeinde sehen. Von den kirchlichen Verantwortlichen wird eine möglichst kleine Delegation anwesend sein.

Wie kann ich mich aktiv am Prozess beteiligen?

Wir laden Sie herzlich dazu ein, in den kommenden Monaten diese Fragen umsichtig zu bedenken und zu diskutieren. Weiter können Sie am Themenabend teilnehmen. Ihre Gedanken, Bedenken und Anregungen können Sie in Form von Leserbriefen mit uns teilen. Diese werden auf unserer Website für alle veröffentlicht.

Was geschieht mit den Friedhöfen, wenn die Kirchen umgenutzt werden?
Mit Ausnahme des Friedhofs Kyburg sind die Friedhöfe «Im Zelgli, Effretikon» und bei der Kirche Illnau nicht Eigentum der Ref. Kirche, sondern der Stadt Illnau-Effretikon. Auch für den Friedhof Kyburg laufen aktuell Abklärungen, dass dieser in den Besitz der Stadt Illnau-Effretikon übergeht. Die Friedhöfe sind deshalb von der Frage nach einer Umnutzung der Kirchengebäude nicht direkt betroffen.
 


Haben Sie weitere Fragen?
Sie können uns diese gerne zukommen lassen.

8. Leserbriefe

Wir möchten einen offenen und transparenten Dialog fördern. Wir laden deshalb alle dazu ein, Gedanken, Bedenken und Anregungen in Form von Leserbriefen mit uns zu teilen. Jede Stimme ist entscheidend, um einen umfassenden Blick auf die verschiedenen Perspektiven innerhalb unserer Gemeinde zu erhalten.

Die Leserbriefe werden auf unserer Website refilef.ch mit Vornamen, Nachnamen und Wohnort veröffentlicht. Einsendungen nehmen wir an sekretariat@refilef.ch und per Post entgegen. Selbstverständlich steht es Ihnen auch frei, für Leserbriefe die regional bekannten Printmedien zu nutzen. In der Güggel.Post drucken wir jedoch keine Leserbriefe ab.

 

Leserbriefe